Bevor ich Mama wurde.

Aber nachdem Dorothy bemerkte, wie hell und schön und auch schon vorher alles war, wurde ihr klar, dass sie ein kleines Problem hatte.
Eins dieser klassischen Beispiele von: Sieh dich vor, was du dir wünschst!
Wenn du 5 Minuten an einer Fantasie verbracht hast, kann es schon sein, dass du dich nach deinem alten Leben zurücksehnst. Wir sehen nicht, was vor unseren Augen geschieht, wenn wir den Blick in die Ferne schweifen lassen. Und manchmal muss man in die Welt eines anderen eintreten, um zu erkennen, wie sehr wir das Leben lieben, dass wir haben! 

Denn egal wie zauberhaft ein Film auch sein mag, am Ende des Tages gibt es keinen schöneren Ort als zu Hause!  Der Zauberer von Oz

Aus einer Art Dämmerungsschlaf heraus vernehme ich ein dumpfes Klingeln. Das geht schon ziemlich lange so, doch ausgerechnet heute versuche ich es zu ignorieren und drehe mich herum, um weiterzuschlafen. Als ich nochmal kurz mit den Augen blinzele, bemerke ich eine ungewohnte Helligkeit vor dem Fenster. „Mist! Verschlafen!“ murmele ich ins Kissen hinein und springe auf.
Mein Professor für Neue Deutsche Sprache und Literatur in der Uni wird wohl kaum auf mich warten, ärgere ich mich. Da ich es nun aber maximal zu den letzten zehn Minuten der Vorlesung schaffen würde, ist die Eile nicht lohnenswert, denke ich mir. Also mache ich mir erstmal in Ruhe einen Kaffee und entspanne noch ein wenig. 

Entspannen?! Nach dem man geschlafen hat?! Wohlgemerkt, nach dem man die ganze Nacht durchgeschlafen hat. Also, so richtig am Stück. Ohne Stillen, ohne Kindergeschrei.
Ja, tatsächlich hatte ich vor einigen Jahren noch die Zeit, mich morgens erstmal vom Aufstehen zu erholen. Grandiose Zeit. Und überhaupt war sowieso alles grandios. 

Wo fange ich nur am besten an? Durchschlafen war schon mal super grandios. Morgens in Ruhe einen – Achtung wichtig, weil heute rar – warmen Kaffee trinken war auch eine Grandiosität. Mit Musik in den Ohren im Zug zur Uni fahren und sie lauter zu drehen, wenn ein Kind neben mir schreit? Grandios. Abends mit Freunden essen gehen oder einfach auf die Couch schmeißen nach einem harten Tag in der Uni? Absolut grandios. Ja, da war mein Leben ganz schön… sagte ich schon grandios? 

New York, Central Park im Februar 2012.

Witziger Weise empfand ich das damals gar nicht so. Ich empfand das alles als ziemlich normal. Ja, auch diese Tage waren anstrengend für mich und auch damals ich fiel abends totmüde ins Bett. 

Im Vergleich zu heute war ich deutlich mehr unterwegs. Dafür besuchte ich zum Beispiel viel seltener meine Familie. Die sah mich teilweise wochenlang nicht, ständig war ich auf Achse. „Du bist aber auch ständig auf Achse!“ höre ich Mama heute noch sagen.  

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich so einen neuen Typen kennengelernt, mit dem war ich ständig unterwegs. Wir genossen gemeinsame freie Zeiten in vollen Zügen. Wir flogen nach Mallorca und zu Freunden nach Washington. Wir gingen viel zappeln, so nannte er es immer, also tanzen. ☺️ Wir waren ziemlich verliebt und ziemlich glücklich. Auch sowas ganz grandioses.
Wir hatten eine wahnsinnig tolle Altbauwohnung in der Innenstadt. Verdammt, sogar unsere zusammengewürfelten Möbel sahen darin gut aus. Es gab eine Dachterrasse mit Bambussträuchern. Oft saßen wir dort auf unseren super angesagten Europaletten und tranken Wein. Manchmal bis spät in die Nacht, mit lauter Musik. Und das, obwohl wir am nächsten Tag arbeiten mussten. Crazy, oder?! 

Häufig kamen meine Mädels zum Quatschen vorbei. Ja, Freundschaften konnte ich damals auf jeden Fall besser pflegen als heute. Auch wenn ich weiß, gute Freundschaften überstehen auch solche Phasen der Abstinenz.
Ich erinnere mich auch an eine selbstinszenierte Weinverkostung, in der wir sämtliche Discounterweine querbeet durchprobierten, um den besten herausfinden. Ziel des ganzen war natürlich, ab jetzt immer richtig günstig betrunken zu werden. Der Abend endete mit nicht enden wollenden Kopfschmerzen bis zum nächsten Morgen. Tja, Fehler sind da, um gemacht zu werden oder? Jedenfalls dann, wenn niemand darunter leidet außer man selbst. 😁 

Ich erinnere mich aber auch an eine Frage, die ich mir damals regelmäßig stellte:
Wie wird mein Leben in ein paar Jahren wohl aussehen? Werde ich heiraten und Kinder haben, ein Haus und eine Familienkutsche kaufen? Das alles schien noch sehr sehr fern, doch für mich wahr schon immer klar, dass ich es einmal haben möchte. Ich hatte immer schon die klassische Vorstellung einer Familie im Kopf. Verlieben, verloben, heiraten. Dazu Kinder und ein Haus. Für manche scheint das der kitschigste und langweiligste Quatsch überhaupt zu sein. Für mich war es die Vorstellung von etwas sehr sehr schönem und vor allem, die Vorstellung von Halt und Beständigkeit. 

Beständigkeit war zuvor nämlich eher Mangelware in meinem Mittzwanziger Leben gewesen. Häufig habe ich die berufliche Orientierung gewechselt und ich bin so oft umgezogen, dass ich kaum mehr mitzählen konnte. Doch dann lernte ich IHN kennen und plötzlich kehrte mehr und mehr Ruhe ein.
Zu diesem Zeitpunkt hätte wohl niemand geahnt, dass ich etwa ein halbes Jahr später schwanger sein würde. 

Der besagte „Typ“, den ich 2014 kennenlernte und mit dem ich in der grandiosen Altbauwohnung wohnte, ja, der war schon ganz schön schnieke. So schnieke, dass ich echt glücklich war und wusste: Den will ich heiraten.
Alles lief super und ich bekam 2015 die Möglichkeit auf eine feste Stelle. Ich war ziemlich happy, denn nach all der Studienzeit endlich mal auf eigenen Füßen zu stehen war mehr als wünschenswert. Ich freute mich über diesen Schritt nach vorne und war voller Tatendrang. Nach ein paar Wochen im neuen Job hielt ich plötzlich einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand. Huch. Damit hatte keiner gerechnet. Vor allem der Typ und ich nicht. Aber da wir auf jeden Fall Kinder wollten, freuten wir uns riesig.

Machen wir uns nichts vor, als unser Sohn zur Welt kam änderte sich alles. Der Mittelpunkt unserer kleinen Welt verschob sich völlig. Auf einmal war nicht mehr ich wichtig, nein, es zählte nur noch dieses kleine Wesen. Dafür tat ich alles.
Und nun kommen wir zurück zur Grandiosität. Mein Leben könnte grandioser nicht sein, seit dem ich Mama bin. Ich glaube, ich habe noch nie so viel Glück auf einmal empfunden, noch nie so viel geliebt. Der Typ, mein Ehemann by the way und ich, wir sind nicht mehr alleine. Wir sind heute zu viert. Wir sind ein Team und wir gehören zusammen für den Rest unseres Lebens.
Vieles was damals wichtig war, ist heute nichtig. Gedanken, Sorgen und Grübeleien die durch meinen Kopf schwirrten, gibt es heute nicht mehr.
Manchmal wäre ich gern wieder einen Moment dort in dieser Zeit, bevor ich Mama wurde. Besonders, wenn wir uns die Nächte um die Ohren schlagen oder wenn beide Kinder gleichzeitig brüllen.
Und dann, im nächsten Moment, sehe ich meine Kinder an und liebe sie einfach nur. Es ist ja das Leben, was ich immer wollte. Es ist also quasi mein persönliches kleines Happy End und das sogar vor meinem 30. Geburtstag. Ich darf mich glaube ich sehr glücklich schätzen, das so nennen zu können.

Häufig brauchen wir etwas neues, etwas das uns antreibt, ein nächstes Ziel. Aber wie wäre es, wenn wir einfach mal stehen bleiben und den Moment, unser Leben, so genießen wie es ist? Es muss nicht mehr sein als das, es ist eigentlich genau richtig so, wie es gerade ist. Grandios.

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Mom's Life

4 Comments

Ein wunderschöner Text, liebe Annika! Man kann so richtig nachspüren, wie sich dein Leben verändert hat und welche ganz eigenen Qualitäten jede dieser Lebensphase hat.
Viele Grüße,
Ellen

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