Die Traumgeburt, die keine war. Und warum wirklich alles anders kam, als geplant.

Nun saß ich da, auf dem Krankenhausbett. Ich trug diesen unglaublich unvorteilhaften OP-Kittel, mit dem ich mich fühlte wie Jack Nicholson in „Was das Herz begehrt“, während er mit nacktem Po verwirrt durch die Krankenhausflure irrt.
Eine Schwester kam ins Zimmer und sagte: „Sie müssen bitte nochmal zu Fuß runter in den Kreißsaal.“ Schon wieder? Dachte ich. Sie hatten mich mehrfach nach unten gebeten und „zu Fuß“ bedeutete, dass es definitiv noch nicht losging. Im Kreißsaal angekommen bat mich die Ärztin in ein Untersuchungszimmer. „Wir können den Kaiserschnitt heute leider nicht durchführen“, teilte sie uns mit. Ich schaute sie an und dachte nur, das ist doch jetzt alles ein schlechter Scherz.

Wie, Kaiserschnitt, fragt ihr euch? Annika hat doch so oft in dieser Schwangerschaft davon gesprochen, dass sie dieses Mal eine natürliche Geburt möchte, alles soll anders sein, selbstbestimmter.
Tja, recht habt ihr. Alles sollte anders sein. Anders als beim ersten Mal. Natürlicher. Ich wollte es selbst schaffen, so, wie es die Natur für mich als Frau vorgesehen hatte. Aber so sehr, wie ich mir das wünschte, hätte mir eigentlich schon dämmern müssen, dass es NICHT so kommen würde. Und ja, es kam wirklich alles anders. Aber beginnen wir von vorne.

Das erste, was ich in der 13. Woche während der Vorsorge zu meinem Gynäkologen sagte, war: „Kann man schon beurteilen, wie meine Kaiserschnittnarbe aussieht? Ich möchte dieses Mal auf jeden Fall eine natürliche Geburt!“ Sehr erleichtert war ich, als er bestätigte, dass bis jetzt alles gut aussehen würde und meinem Wunsch nichts im Wege stände. Ich freute mich wie Bolle und war fest davon überzeugt, dass es dieses Mal klappen würde.

Die ganze Schwangerschaft über drehte sich bei mir alles um die natürliche Geburt. Ich las Berichte, informierte mich, tauschte mich mit anderen Mamis aus, machte einen Geburtsplan und wählte die passende Klinik dafür. Ja, dieses Mal machten Oli und ich sogar den Geburtsvorbereitungskurs, den wir bei Matti nie gemacht hatten. Damals stand ja ab der 11. Schwangerschaftswoche fest, dass es ein Kaiserschnitt werden müsste, also hatte ich früh mit dem Thema natürliche Geburt abgeschlossen.
Dieses Mal wird alles anders! Das war mein Credo, die ganze Schwangerschaften über. Im Kurs atmeten wir zusammen und beschäftigten uns mit den verschiedenen Geburtspositionen. Ich war schon voll drin und freute mich, egal, wie hart es werden würde, dieses besondere Erlebnis mit Oli zusammen erleben zu dürfen.

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Natürlich informierte ich mich auch zum Thema „VBAC“ (vaginal birth after caesarean section). Ich kannte die Risiken, wusste, dass es einen minimalen Prozentsatz gab, der beschrieb, dass die alte Kaiserschnittnarbe unter Wehen, unter der Geburt, reißen könnte. Die Wahrscheinlichkeit war jedoch so gering, dass ich ihr keinerlei weitere Beachtung schenkte. Andere Frauen hatten das schließlich auch schon geschafft!

Die Wochen vergingen und die Geburt rückte immer näher. Meine Aufregung stieg und ich begann, jedes kleinste Anzeichen fehl- und überzuinterpretieren. Ich war so gespannt, ich wollte unbedingt, dass es bald losging.
Ab der 37. Woche schlich sich eine Blockade in der Bandscheibe ein. Mein Körper hatte die Schwangerschaft über immer super mitgemacht, hatte häufig zwei Kinder „getragen“, dem Schlafmangel getrotzt und sich generell wirklich selten beschwert. Ich bin jedoch nicht die Größte und habe anscheinend ein Kind ausgetragen, was meinem Körper nicht unbedingt entspricht, gegen Ende wurde es einfach zu schwer. Die Schmerzen wurden von Tag zu Tag schlimmer und ich konnte mich ab der 38. Woche nicht mehr um Matti kümmern. Laufen, Treppen steigen, mich generell bewegen, alles war ein einziger Schmerz. Als ich in der 39. Woche bei meinem Gynäkologen zur Vorsorge saß, brach ich peinlicher Weise dramatisch in Tränen aus, weil ich nicht mehr wusste, wohin mit mir, geschweige denn, wie ich eine Geburt in diesem Stadium überstehen sollte. Er sagte mir, wenn ich möchte, würde er mir eine Überweisung ins Kraneknhaus zur Einleitung mitgeben und ich könnte selbst entscheiden, ob und wann ich dies mache. Diese Überlegung klang in Ordnung für mich und ich fuhr heim.

In Ordnung war es jedoch eigentlich nicht. Ich wollte doch immer natürlich gebären und hatte so viel negatives über Einleitungen gehört, dass ich gerne drauf verzichten würde. Außerdem hatte man mir beim Geburtsplanungsgespräch im Krankehaus ziemlich deutlich von einer Einleitung bei Zustand nach Sectio abgeraten. Sie würde die Wahrscheinlichkeit einer Uterusruptur (Reißen der Narbe) zusätzlich erhöhen.

Am nächsten Morgen wollte ich mir im Krankenhaus eine zweite Meinung einholen und auch hier teilte man mir mit, dass eine Einleitung absolut nicht zu empfehlen wäre. So weit, so gut, also weiter Zähne zusammenbeißen und einfach warten. Doch auf Grund meiner Narbe und der Größe des Kindes (geschätzt wurde sie auf 4,1 Kilo) sollte der errechnete Entbindungstermin so oder so nicht weit überschritten werden. Natürlich stellte sich mir damit auch die Frage: Was passiert denn, wenn sie sich bis dahin nicht von alleine auf den Weg macht?!

Und dann, nach einer weiteren Untersuchung, bekam ich eine Information, die alles veränderte: Meine Narbe wurde geschallt und vermessen und sie sagten mir, dass sie deutlich dünner wäre, als normal. Das Risiko einer Ruptur wäre also zusätzlich deutlich erhöht.
Mit dieser Auskunft konnte ich plötzlich gar nicht umgehen. Die nachfolgenden Sätze, dass eine Ruptur lebensgefährlich für mich und für mein ungeborenes Baby sein könnte, hallten in meinem Kopf nach und ich hörte nichts anderes mehr.
Plötzlich war ich starr. Starr, weil alles zerplatzte, was ich mir gewünscht hatte. Starr, weil ich ahnte, was mir der Oberarzt gleich empfehlen würde. Starr, weil mir plötzlich der Gedanke an eine natürliche Geburt Angst machte.

Mir wurde der Kaiserschnitt empfohlen, welch eine Überraschung! Und nach dem ich zu Hause war, um darüber nachzudenken, erschien mir dieser Weg auf einmal als der einzig mögliche. Alle Vorstellungen und Wünsche hatte ich innerlich über Bord geworfen und steuerte mit voller Fahrt auf den Sectio-Hafen zu.
Ich wusste ja bereits, was mich bei einem Kaiserschnitt erwarten würde und alles in mir sträubte sich gegen diese Erinnerungen. Umso trauriger stimmte mich die ganze Situation, denn auch den anderen Weg, den der natürlich Geburt, konnte ich gedanklich auf einmal nicht mehr gehen, er war mit zu viel Angst verbunden. Ich beneidete in diesem Moment alle Frauen, die zuvor keinen Kaiserschnitt hatten, die völlig unbefangen und frei in eine natürliche Geburt gehen konnten. Ich wäre so gerne eine von ihnen gewesen. Jetzt würde ich die Erfahrung einer natürlichen Geburt nie mehr machen können. Es war vorbei, denn ich war informiert und wusste: Falls wir irgendwann noch ein drittes Kind bekommen sollten, nach zwei Kaiserschnitten ist eine natürliche Geburt i.d.R. nicht mehr möglich.
Ich verdrückte ein paar Tränen und fand mich irgendwie mit der neuen Situation ab. Der Termin wurde geplant und in der 40. Schwangerschaftswoche sollte es soweit sein, am 2. Januar.

 

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Morgens um 7 Uhr sollten wir auf Station sein, dann würde alles vorbereitet werden und gegen 10 Uhr ginge es los.
Es war klar, am Tag zuvor bekam ich kaum einen Bissen herunter, war unglaublich angespannt, abwesend und übel war mir auch. Diese Nervosität kannte ich bereits und konnte sie trotz allem nicht abstellen. Ich versuchte mich darauf zu freuen, dass ich morgen meine Tochter im Arm halten würde, das half leider nur zeitweise. Der Gedanke, die Kontrolle abzugeben und aufgeschnitten zu werden stieß mir übel auf.

An besagtem Tag, morgens auf Station, saß ich nun da, mit diesem bereits erwähnten, unglaublich unvorteilhaften OP-Kittel und man teilte mir mit, dass der Kaiserschnitt heute nicht stattfinden könne. Es gab einige Blutergebnisse, die nicht da waren und von denen meine OP abhinge.
Ich bekam die verbale Gesichtsklatsche, möglicherweise auch den verbalen Schlag in den Magen, denn der fühlte sich morgens um 10 Uhr, nach vielen Stunden der Nüchternheit und einer Menge Aufregung an, als wäre er nicht mehr existent oder wahlweise Achterbahn gefahren.
Ich wollte es doch jetzt einfach hinter mich bringen, wollte loslegen, wollte meine Tochter im Arm halten. Nix da, Pustekuchen! Dafür versprachen sie mir, ich wäre am nächsten Morgen direkt die erste, ohne lange Wartezeiten.

Raus aus dem OP-Kittel, rein in etwas, was meinen Po irgendwie mehr verdeckte. Wir fuhren nach Hause und versuchten alles irgendwie mit Humor zu sehen. Sprüche wie „Na dann gibt‘s dafür jetzt nochmal eine leckere Henkersmahlzeit!“ hätte sich meine Mutter aber auch gepflegt sparen können. 🙂 Es erinnerte mich nur wieder an das, was am nächsten Tag auf mich zukommen würde.

Und dann war er da, der Morgen des 3. Januars. Details erspare ich euch, aber wen es im Detail interessiert, der gibt gern bei YouTube mal „Kaiserschnitt“ ein. 😉
Eine schwer zu legende Rückenmarksanästhesie, einen Kreislaufzusammenbruch, viel Geruckel und eine Ärztin, die sich mit ihrem ganzen Körpergewicht auf mich warf später, hörten Oli und ich um Punkt 9 Uhr den lang ersehnten Schrei unserer Tochter! Eine Ärztin sagte noch: „Also diese Haare habe ich schon gesehen, da war das Kind noch tief im Bauch!“ und dann sahen wir sie, verschmiert, mit vielen ganz dunklen Haaren. Es war surreal, es war das zweite Mal unser Wunder. Unser zweites Kind.
Die Hebamme brachte sie zu den Kinderärzten, als alles gut war, kam sie mit unserer Tochter zurück, die Kleine schrie. Als sie neben meinen Kopf gelegt wurde, öffnete sie ihre großen Augen und wurde ganz still. Sie erkannte mich, sie hörte mich. Jetzt war alles gut, alles vergessen. In diesem Moment war mir so sehr egal, was ich zuvor wollte, was alles geschehen war und welche Ängste ich hatte. Meine Tochter war bei mir, sie war kerngesund, kräftig und zufrieden. Nichts anderes zählte mehr. Uns ging es beiden gut.

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Es mag Stimmen geben, die sagen, ein Kaiserschnitt wäre keine Geburt. Ja, das mag in seinem ursprünglichen Gedanken auch so sein. Ich hätte es mir gewünscht, das natürlichste der Welt zu erfahren. Das, was Frauen seit dem es die Menschheit gibt, immer wieder auf’s Neue schaffen. Doch so ist es nun und das ist mittlerweile auch okay für mich.
Ich bin froh, dass die Medizin heute so weit ist, dass sie Risiken vorhersehen und minimieren kann. Ich bin froh, dass meine Tochter deshalb so komplikationslos auf die Welt kommen konnte.
Für mich ist Fakt: Raus kommen sie alle irgendwie, die Kinder. Und meistens oder so gut wie immer ist es eine schmerzhafte Angelegenheit. Auch während eines Kaiserschnitts eröffnet die Mutter ihren Körper für das Kind, wenn auch an einer anderen Stelle. 🙂 Sie hat Schmerzen, sie nimmt das alles auf für ihr Kind.

Hiermit spreche ich mich nicht generell für die Geburt per Kaiserschnitt aus, wer zuvor gründlich gelesen hat, weiß das. Aber sagen wir es so, ich bin froh, dass es ihn gibt. Ohne den Kaiserschnitt hätte mein Sohn damals die Geburt nicht überlebt, ein Kaiserschnitt kann also Leben retten und dafür bin ich unglaublich dankbar.
Ich möchte allen Kaiserschnitt-Mamis da draußen gut zusprechen und das honorieren, was ihr geleistet habt. Ihr könnt stolz auf euch sein.

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Mom's Life

4 Comments

Hallo, schöner Artikel! Mir kamen tatsächlich die Tränen (an der Stelle, als das Kind auf dich gelegt wurde).
Was ich eigentlich sagen möchte: eine natürliche Geburt nach 2 Sectios wird in manchen Kliniken durchgeführt. Also gib die Hoffnung nicht auf 😙

Irgendwie ist es doch reichlich absurd, dass es Stimmen gibt, die behaupten, eine Kaiserschnitt sei keine richtige Geburt. Zum einen kann man sich das oft einfach nicht aussuchen, so wie eben auch in deinem Fall, zum anderen ist es so oder so eine enorme Leistung, ein Kind monatelang auszutragen und auf die Welt zu bringen. Was sollen da Vergleiche, wie lang oder wie schmerzhaft eine Geburt war oder wieviel und wo was aufgeschnitten wurde…
Tolle Bilder jedenfalls und Glückwunsch zur Geburt deiner Tochter!

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